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unbunt

Gruppenausstellung „unbunt“: Schwarz. Weiß. Und dazwischen. ... mehr >

 

KÖLNER-STADTANZEIGER 15. FEBRUAR 2024

Ausstellung in der Kölner Galerie Biesenbach

Wenn die Farben von der Bildfläche verschwinden

von Annika Kern


Auf den glänzenden Oberflächen der weißen und schwarzen Wandskulpturen des Künstlers Árpád Forgó (*1972), spiegelt sich das Licht und bringt so subtile Farbnuancen in das Unbunte. Was aussieht wie Kacheln oder Kunststoff, sind tatsächlich bespannte Leinwand-Module. In den Kerbungen schwarzer und weißer Holzblöcke der südkoreanischen Künstlerin Ji Eun Lee (*1984) bilden sich wiederum sanfte Schatten. Und unter die filigranen Zeichnungen brasilianischer Gemüsesorten von José Gomes (*1968) haben sich Konservendosen geschlichen. Damit kritisiert er die Zerstörung des Regenwaldes und Ausbeutung von Arbeitskräften, die der weltweite Vertrieb von Lebensmitteln aus seiner Heimat mit sich zieht.

Es geht um viel mehr als nur Schwarz und Weiß

Was bleibt, wenn man der Kunst jegliche bunte Farbe entzieht? Dieser Frage geht die aktuelle Ausstellung der Galerie Biesenbach, „unbunt“, nach. Werke von neun Künstlerinnen und Künstlern sind zu sehen – jeder und jede bringt seine eigene Interpretation von „unbunt“ mit. Dabei geht es gar nicht so sehr um Schwarz und Weiß, sondern vielmehr um alles dazwischen, um die Graustufen und Nuancen, die entstehen, wenn die Farben von der Bildfläche verschwinden.

Was damit gemeint ist, zeigen die Beiträge der Pariser Künstlerin Catherine Seher (*1958). Auf ihren Bildern verschwimmen Figuren mit der Landschaft, bis sie unkenntlich und anonym werden. Die farblosen Werke wirken, als hätte man ihren bunten Bildern einen Schwarz-Weiß-Filter auferlegt.

„unbunt“ zwingt uns zum genauen Hinsehen

Mit der Verbannung der Farbe, droht das Monochrome auch monoton zu werden. Doch das Unbunte bei Seher verstärkt die Isolation ihrer Figuren. Und so kommt mit dem Farbverlust zugleich eine neue Qualität hinzu. Wo die Farbe zurücktritt, rücken Material, Technik und Form stärker in den Vordergrund. Licht und Schatten gewinnen an Bedeutung. Mit dem Verzicht auf Farbe zwingen uns Künstlerinnen und Künstler genauer hinzusehen, wie die Keramikkünstlerin Beate Höing (*1966) mit „Black Snow“ beweist.

Von weitem wirkt die Wandarbeit wie ein undefinierbares, schwarz glänzendes Etwas. Tritt man näher, so erkennt man darin Blüten und tote Vögel. Ihre Flügel verschwinden zwischen den zahlreichen, spitzen Blütenblättern. Höing spielt mit den Kitsch-Assoziationen von Keramik – sie kombiniert in anderen Arbeiten blau-weiß geblümte Vasen mit kleinen, gefundenen Figürchen. Ohne die Farbe wird das sonst so Ornamentale plötzlich fast abstrakt.

Während Höings tote Vögel durchaus Unbehagen auslösen können, wirken die Arbeiten des japanischen Künstlers Hideaki Yamanobe (*1964) wie ein kunstgewordener Ruhepol. Er verzichtet in seinem gesamten Werk weitgehend auf Farbe und lenkt damit die Aufmerksamkeit auf die Textur seiner Bilder. Für eines der ausgestellten Werke trug er zunächst mehrere Schichten schwarze Farbe auf, dann eine dünne Schicht warmes Weiß. Das kratzte Yamanobe schließlich stellenweise wieder ab – man meint darin, Blumen zu erkennen. An den Rändern ist die Farbschicht am dicksten, sodass sich die Bildfläche dazwischen aufspannt und auf diese Weise fast leer wirkt.

Hideaki Yamanobe: In der Leere liegt seine Kraft

Ein anderes seiner Bilder, „Black Screen Scratches“ hält, was der Titel verspricht: Eine schwarze, quadratische Leinwand, von tiefen Kratzern durchzogen. Doch sieht man genauer hin, stellt man fest, dass das Schwarz diesmal matt ist, fast körnig und an Vulkangestein erinnert. Die Kratzer fügte er dem Bild übrigens mit dem hölzernen Gestell eines japanischen Fächers (Uchiwa) zu. Man kann sie als Verletzung oder Aggression deuten, oder aber als Regenfäden.


ÜBER DIE KÜNSTLER UND KÜNSTLERINNEN:


Árpád Forgó
(*1972): Der in Budapest lebende Künstler steht klar in der Tradition der Konkreten Kunst, erweitert diese aber mit einem spielerischem Ansatz und Experimentierfreude. Forgó (er-)findet Bilder, die uns herrlich sinnliche Reize bieten. Er verführt den Betrachter, genau hinzuschauen und zu überprüfen, ob er seinen Augen trauen kann. Der subtile Farbverlauf auf einer Leinwand zum Beispiel entsteht durch die Wölbung einer leicht dreidimensional gespannten Leinwand. Hier lotet der Künstler die Grenze zwischen „shaped canvas“ und objekthaftem Bildkörper aus. Doch bleiben seine Werke stets Bild und hinterfragen dieses nicht.

José Gomes (*1968 in Brasilien, lebt und arbeitet in Köln): „Schöpfung und Zerstörung, Leben und Tod – in diesem Spannungsfeld bewegen sich die Zeichnungen von José Gomes. Mit deutlichem Bezug zur brasilianischen Natur und Kultur wirken seine Papierarbeiten zum Teil wie Collagen, die eine starke Bildtiefe entwickeln. Gomes‘ Recherchen für seine Zeichnungen schließen auch das Studium von Drohnenbildern der brasilianischen Urwälder mit ein, die genau nachvollziehbar machen, wie diese wichtigen Lebensräume zerstört werden. Diese Erkenntnisse genauso wie die Auseinandersetzung mit der brasilianischen Kunstgeschichte und Kunsthandwerk fließen in Gomes‘ filigrane Zeichnungen ein, bei denen das Figurative oft von abstrakten Elementen gebrochen wird und dadurch eine ganz eigene Geschichte erzählt.“ (Dr. Carla Cugini, Geschäftsführerin der Gesellschaft für Moderne Kunst Museum Ludwig)

Jutta Meyer zu Riemsloh M.A. über das Werk von Beate Höing (*1966, lebt und arbeitet in Coesfeld): Inspiriert von Ornamenten und Stofflichkeit als kulturhistorische Bestandteile der Volkskunst, von Märchen und Mythen sowie Traditionen und Ritualen, erscheinen diese Einflüsse im Werk der Malerin und Keramik-Bildhauerin Beate Höing in einer ganz eigenständigen Ikonografie. Tatsächlich Vorhandenes, Assoziiertes und Erinnertes fügt sich in einem ambivalenten Spiel aus Realität und Fiktion zusammen, in welchem Traum und Albtraum, Entspannung und Erschrecken dicht beieinander liegen. Inhalte, Materialität und Form sind untrennbar miteinander verbunden. Die Ölgemälde, Keramik-Skulpturen und Installationen der Künstlerin vermitteln zudem eine Begeisterung für die Schönheit, Zartheit und Ästhetik der Dinge sowie die Lust am Spiel mit den gestalterischen Möglichkeiten.

Über Patrizia Kränzlein (*1987, lebt und arbeitet in der Nähe von Stuttgart): Patrizia Kränzleins Zeichnungen, eine Kombination aus Graphit und Linolfarbe auf Papier, sind meist auf Schwarz-, Weiß- und Grauwerte reduziert. Bei der Herstellung wird die Farbe mit einer Walze direkt auf das Papier aufgetragen, somit fungiert die Walze als Zeicheninstrument. Die Arbeiten werden aus variablen geometrischen Grundformen entwickelt und segmental in die Bildfläche integriert. Sie zeigen Bildräume, die durch Linien, Flächen, Schattierungen und Tiefenräume konfiguriert werden. Dabei sucht die Künstlerin stets den Weg in die Tiefe, mit einem Anspruch nach dem Gültigen, hin zum Wesentlichen.

Künstlerstatement Ji Eun Lee (`1984 in Seoul, lebt und arbeitet in München): Seit langem erforsche ich mit verschiedenen Materialien die Möglichkeiten einer Visualisierung von Räumlichkeit, die das Verhältnis von Innen und Außen hinterfragt. Während meines Studiums an der Kunstakademie Düsseldorf habe ich oft Flechtwerk als Ausgangsmaterial genommen, zum Beispiel in Form von Weidenkörben. Die diversen Strukturen und unterschiedlichen Haptiken interessieren mich dabei besonders. In letzter Zeit mache ich mit meinen Arbeiten die gewünschten bildhaften Effekten beim Holzschnitzen sichtbar. Auf der Suche nach einer malerischen Darstellung visualisiere ich weiterhin das Thema von Innen und Außen, mit dem ich mich schon lange beschäftige. Es entstehen visuelle Essays, die zwischen Bildhauerei und Malerei neue Atmosphären schaffen. Alle Manipulationen am Bild werden manuell und sukzessiv durchgeführt. Mein Ziel ist es, eine malerische Auswirkung mit feinem und poetischem Stil auf die neuen Arbeiten aus massiven Holzplatten zu haben.

Über Catherine Seher (*1958, lebt und arbeitet in Paris): Die französische Malerin Catherine Seher fängt eindrucksvolle Ansichten ein, die oft Figuren in verschiedenen Landschaften zeigen, und beschwört in ihrem Werk ein starkes Gefühl der Anonymität und Isolation herauf. Indem sie die Essenz einer bestimmten Umgebung einfängt, aus ihr aber alle Bedeutungselemente herauszieht, reduziert Seher sowohl die Kunst der Landschaft als auch der Figur auf ihr eigentliches Element und zwingt den Betrachter ihres Werkes, die Mechanik zu berücksichtigen, durch die jede Komponente des Werkes entsteht. Das Ergebnis ist ein Gesamtwerk, das die Universalität der Kunst selbst anzapft, eine anonyme Figur oder Ansicht nach der anderen.

Künstlerstatement Austin Turley (*1977, lebt und arbeitet in Portland, Oregon): Spontaneität, Improvisation und Techniken des Bricoleurs sind das Ergebnis scharfer Beobachtungen, die dazu führen können, im Unerwarteten Relevanz zu finden. Ich glaube, dass meine Art der Herstellung parallel zu der des Bricoleurs verläuft und die Vorstellung erforscht, dass Wissenschaft und mystisches Denken gleichwertige Ansätze zum Verständnis der Welt um uns herum sind. Ich interessiere mich für den transformativen Charakter von Objekten, die sich im Laufe der Zeit entwickeln, erodieren und verändern. Während ich weiterhin lerne und mit der Komplexität von im Ofen geformtem Glas experimentiere, dreht sich mein Fokus und meine Forschung um die Sprache des Mediums selbst, wie es sich verhält, seine Merkmale und seine Eigenschaften.

Über Douglas Witmer (*1971, lebt und arbeitet in Philadelphia, Pennsylvania): Seit über zwei Jahrzehnten erkundet Douglas Witmer kontinuierlich und subjektiv die Materialität des gemalten Objektes und verfeinert dabei schrittweise seine Arbeit im Rahmen der reduktiven abstrakten Malerei. Seine elementaren kompositorischen Strukturen werden durch sinnliche Farben und vielfältig improvisierte gestische und zufällige Handlungen aktiviert. Sein nachhaltiges Interesse besteht darin, einen visuellen Ort zu schaffen, der in offener Weise zu persönlichen Seh- und Empfindungserfahrungen einlädt. Douglas Witmer hinterfragt die Wahrnehmung in Bezug auf das Verhältnis und die Verbindung des Betrachters zur Kunst und wird getrieben von der Erfahrung der Kunst selbst. Mit der Betonung von Elementen wie Materialität und Kommerzialisierung wirft Witmer in seinem dynamischen Werk wesentliche Fragen auf, die wertvolle Gespräche mit seinem Publikum anstoßen können. Auf diese Weise belebt Witmer sein Werk und macht es zu einem Thema für die zeitgenössische Generation.

"Die Fülle der Leere." – Anmerkungen zu den Gemälden von Hideaki Yamanobe (*1964, lebt und arbeitet in Köln, Düsseldorf und Tokyo) von Peter Lodermeyer (Auszug): Hideaki Yamanobe legt großen Wert auf die Ambivalenz der Assoziationen, die seine Bilder auslösen. Das gilt auch für die Ritzungen, die einen großen Teil seiner Gemälde kennzeichnen. Sie können einerseits als Aggression, als Verletzung des Bildkörpers wahrgenommen werden, andererseits – wiederum eher bei größerer Distanz zum Bild – als Andeutungen von Regen oder an Fensterscheiben herab rinnenden Wassertropfen. Für das Erzeugen der Ritzlinien hat Yamanobe übrigens ein typisch japanisches Instrument gefunden: Nachdem er bemerkte, dass Stahlkämme und ähnliche Werkzeuge ein zu starres, mechanisch wirkendes Linienbild erzeugen, wechselte er zu den Gestängen traditioneller Blattfächer (Uchiwa), von denen er das Papier entfernte. Mit Hilfe der radial ausstrahlenden, äußerst biegsamen und unterschiedlich langen Bambusstäbchen gelingt es ihm, ein lebendiges, nie völlig vorhersehbares Linienbild mit zahlreichen Überkreuzungen und variabler Breite der Ritzungen zu erzielen. Selbst auf der Mikroebene des Farbauftrags und des Pinselduktus zeigt sich die Doppelwertigkeit der assoziativen Qualitäten von Yamanobes Malerei. Ganz typisch für seine Bilder sind gleichsam wellenartige Strukturen in den Weißschichten, die in ihrer unterschiedlichen Intensität Assoziationen wie etwa Schlangenhaut, Gänsegefieder oder Verwehungen von leichtem Pulverschnee (wieder „warme“ und „kalte“ Anmutungen) hervorrufen können. Erzeugt werden diese Strukturen durch einen immer wieder stockenden, „stotternden“ Auftrag von weißer Texturpaste, die mit einem Flachpinsel auf die schwarze Untermalung aufgetragen wird.

 

Artikel im Kölner-Stadtanzeiger

Wenn die Farben von der Bildfläche verschwinden von Annika Kern: hier lesen!

 

Vom 21. bis 25 Februar nehmen wir an der art KARLSRUHE 2024 teil. Unsere aktuelle Ausstellung kann weiterhin besucht werden – bitte melden Sie sich im Erdgeschoss bei der Galerie Seippel.

 

28.1. – 9.3.2024

Vernissage
Sonntag 28. Januar
11 – 16h
K1 Galerien-Rundgang

K1 Galerien-Rundgang
17. Innenstadt-Rundgang
K1 Galerien Köln
28. Januar 11 – 16h

Öffnungszeiten
Mi – Fr   12 – 18h
Sa   12 – 16h
u. n. V.

 

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