Anna Genger

Blog, ArtTwo: Ein Interviewtext von Iris Haist

„Pussypirates“ von Anna Genger – Die etwas andere Porträtserie

Eine Künstlerin, die mich mit ihren Arbeiten – und mit ihrer Person, was bei ihr unweigerlich miteinander verbunden ist – schnell in ihren Bann zog, ist Anna Genger (*1978 in Hamburg). Sie ist flippig, ehrlich und leidenschaftlich. Und eben diese Attribute treffen auch auf ihre Kunstwerke zu. Die Bandbreite ihrer Projekte ist groß und reicht von Zeichnungen und Collagen über Malerei bis hin zu plastischen Objekten

n diesem Beitrag möchte ich Euch allerdings ihre Porträtserie Pussypirates  aus dem Jahr 2013 vorstellen. Wer sich jetzt spontan in seiner moralischen Reinheit angegriffen fühlt, der möge sich gerne einer anderen Aktivität widmen, obwohl sich ein genauerer Blick auf die dazugehörigen Werke als lohnenswert herausstellen wird.

Der Titel der Serie lehnt sich an einen Roman der feministischen Aktivistin und Autorin Kathy Acker (1947-1997) aus den USA an. Pussy, King of the Pirates (Pussy, König der Piraten) erschien im Jahr ihres Todes und handelt von Freibeuterinnen, die auf der Suche nach einem Schatz sowohl Freiheit als auch Selbsterkenntnis finden. Die sexuelle Befreiung der Frau und ihre Chance zur selbstbestimmten Lebensführung sind die Hauptanliegen der Autorin.

Anna Genger, Grace, Acryl und Ölfarbe auf unbehandelter Leinwand

Anna Genger verwendet sowohl den Begriff als auch die Geisteshaltung Ackers, um neun völlig unterschiedliche Frauen zu vereinen. Das besondere an ihren Porträts ist allerdings nicht so sehr der Titel der Serie, sondern deren künstlerische Umsetzung: Die „Porträts“ zeigen nicht die Gesichter der Frauen, auch sonst nichts von ihren Äußeren, sondern den Charakter und die inneren Kämpfe, die sie ausfechten – jede Frau ganz individuell für sich und innerhalb der Serie doch als Gemeinschaft.

Sie illustriert die Biografien der Frauen, zu denen z.B. eine Nonne, die ehemals Schauspielerin war, eine fanatische Nationalistin und eine Studentin der „Gender Studies“, die sich für eine Karriere als Pornodarstellerin entschied, gehören. Dafür wendete sie sowohl grafische und malerische Methoden an. Zudem wählte sie feinere oder rohere Vorbehandlungsverfahren für die Bildträger, variierte sie Farbskalen und Kompositionen. Wenn es Genger notwendig bzw. hilfreich erschien, griff sie auf den Stil anderer Künstler der Geschichte zurück, wie im Porträt Aya z.B. auf Robert Delaunay.

Anna Genger, April, Acryl und Ölfarbe auf Leinwand 

Verfolgt man diesen Ansatz konsequent, so müssen notwendigerweise völlig unterschiedliche Bilder entstehen. Und genau das war die große Herausforderung für die Künstlerin: zurückstehen hinter ihrer Botschaft, zurückstehen hinter all den Frauen, die sie gleichzeitig bewundert für ihre Stärke und denen sie wegen ihrer teils schweren Schicksalsschläge gleichzeitig Mitgefühl entgegenbringt. Genger lässt sich bei jedem Porträt wieder ganz neu und unbefangen auf das ein, was die„Dargestellte“ ihrer Meinung nach besonders interessant macht.

Insgesamt geht es der Künstlerin vor allem darum, eines unmissverständlich zu zeigen: ihre Verehrung für die freie und selbstbestimmte Frau – sie selbst eingeschlossen.

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